Medikamente

Der therapeutische Nutzen sämtlicher Psychopharmaka ist nicht gesichert

(Ausschnitt aus der Publikation von Dr. med. Marc Rufer, Arzt, Psychotherapeut und Autor).

Die umfassendsten und sorgfältigsten Untersuchungen über die therapeutische Wirkung von Psychopharmaka wurden mit Antidepressiva durchgeführt. Therapieresistenz ist das grosse Problem für diejenigen, die Antidepressiva verabreichen. Laut der Psychopharmakabefürworterin Brigitte Woggon ist die Erfolgsrate für das erstverordnete Antidepressivum bei schweren Depressionen bzw. bei hospitalisierten depressiven Patientinnen nur fünfzig Prozent (Pöldinger/Reimer 1993, S. 182; Woggon 1998, S. 35). Doch auch bei jeder zweiten stationär aufgenommenen depressiven Patientin, die ausschliesslich mit einem Placebo behandelt wurde, stellte sich innerhalb von zwei bis sechs Wochen eine deutliche Besserung ein (Zehentbauer 2006, S. 150). Es gibt sogar Studien, in denen sich annähernd 90 Prozent der mit einem Placebo behandelten Fälle besserten. Diese Befunde werden dadurch unterstrichen, dass auf Grund der Voreingenommenheit der PsychiaterInnen – in der Fachliteratur wird von „bias“ gesprochen – die geprüften Psychopharmaka im Vergleich mit Placebos tendenziell zu gut beurteilt werden (Fisher 1993, S. 347). Diese Voreingenommenheit kann sehr wohl placebokontrollierte Psychopharmakastudien verfälschen, da auf Grund der für die PsychiaterInnen und übrigens auch die Versuchspersonen leicht festzustellenden Nebenwirkungen der Psychopharmaka, sogar sogenannte Doppelblindversuche keineswegs wirklich blind sind. (Im Übrigen zeigen die stark variierenden Placeboeffekte, die in verschieden Studien gefunden werden, deutlich, wie wichtig bei jeder Behandlung der menschliche Faktor, die Atmosphäre, insbesondere die Arzt-Patient-Beziehung sind.)

So ist denn der therapeutische Nutzen der Antidepressiva nicht gesichert (ausführlich in Rufer 2004, 2001). Und diese Beurteilung gilt nicht nur für Antidepressiva, sondern für alle Psychopharmaka, das heisst auch für Neuroleptika, Tranquilizer und die sogenannten mood stablizer wie Lithium und Carbamazepin (Tegretol) (Fisher/Greenberg 1993, S. 348; 1989, S. 29). Die möglichen schädlichen, zum Teil sogar tödlichen Wirkungen der verschiedenen Psychopharmaka dagegen sind gesichert.

Das bedeutet gleichzeitig, dass Psychopharmaka keine spezifische Wirkung haben. Sie können bestenfalls Symptome unterdrücken oder wegdämpfen, sind jedoch in keiner Weise in der Lage, die Ursache der Störung auszuschalten. So sind die Wirkungen von Neuroleptika, u.a. Müdigkeit, Beeinträchtigung der intellektuellen Leistungsfähigkeit und des Gedächtnisses, Dämpfung der Gefühlswahrnehmung bei als psychisch „gesund“ geltenden Versuchspersonen genauso zu beobachten wie bei denjenigen, die als „schizophren“ diagnostiziert wurden.

Dies sind wichtige Überlegungen, sind doch sämtliche Hypothesen über die neurobiologische Ursache der psychischen Störungen – insbesondere der „Schizophrenie“ und der „Depression“ – vom Wirkungsmechanismus der zu ihrer Behandlung eingesetzten Psychopharmaka, der Neuroleptika und der Antidepressiva, abgeleitet: Unspezifisch wirkende Substanzen und fiktive Störungen – das ist die Grundlage dieser hochkarätigen wissenschaftlichen Aussagen. Mit gutem Grund können diese Hypothesen somit als Phantasmen bezeichnet werden. Die immer wieder gehörte Aussage der Neurobiologen, dass in naher Zukunft selektiv wirkende Psychopharmaka zur gezielten Behandlung von psychischen Störungen entwickelt würden, wird damit sehr, sehr fragwürdig.

Alle, die sich um das Thema kümmern, wissen, dass psychotische Symptome sogar unbehandelt verschwinden können. Dies gilt sowohl für die Störungen, die als „Manien“ bezeichnet werden – da gehört es geradezu zur Definition der „Krankheit“ – wie auch für „Schizophrenien“. Und psychotherapeutisch ausgerichtete, psychopharmakafreie Behandlungskonzepte der „Schizophrenie“ sind einer Psychopharmkotherapie überlegen bzw. haben die bessere Prognose. Das konnte wiederholt gezeigt werden (Goldblatt, 1995, S. 325ff; Karon, 1989, S. 105ff; Mosher, 1985, S. 105ff; Perry, 1980, S. 193ff). Dasselbe gilt auch für die unipolare Depression (Steinbrueck, 1983, S. 856ff). Im Übrigen darf nicht vergessen werden, dass psychotische Zustände zu den Möglichkeiten normalen menschlichen Erlebens oder Reagierens gehören (vgl Bock 1999, S. 29, 346, Klappentext; Dittrich 1987, S. 35ff; Erdheim, 1982, S. 418/431; Rufer 1998, S. 531f; Kernberg 1978. S. 51f/76; Simoes, 1994, S. 103ff). Sie können als aussergewöhnliche Bewusstseinszustände oder als (psychotische) Regressionen verstanden werden. Aussergewöhnliche Bewusstseinszustände (ABZ) bzw. veränderte Wachbewusstseinszustände (VWB) – klinisch nicht zu unterscheiden von der akuten paronoiden Schizophrenie – sind bei jedem Menschen u.a. durch Reizentzug (sensorische Deprivation), Fasten, Schlafentzug, Hyperventilation oder die Einnahme von Halluzinogenen auszulösen (vgl. Dittrich 1987, S. 35ff, Simoes 1994, S. 103ff). Die Pathologisierung dieser psychischen Zustände und die damit verbundene Behandlung mit Psychopharmaka erweist sich auch aus diesem Blickwinkel als das falsche, ja als destruktives Vorgehen.

 

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Weiterführende, kritische Literatur zum Thema Psychopharmaka:


Peter C. Gotzsche

Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen

ISBN: 978-3-86883-756-8

Erschienen 2016, Riva Verlag


Peter C. Gotzsche

Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität

Gewinner des Britisch Medical ass. Avart

ISBN: 978-3-86883-438-3

Erschienen 2015, Riva Verlag


Felix Hasler

Neuromythologie

ISBN: 978-3-8376-1580-7

Erschienen 2014, Transscript Verlag


Stefan Weinmann

Erfolgsmythos Psychopharmaka

ISBN: 9783863211561

Erschienen 2013 im Mabuse-Verlag GmbH


Peter Lehmann

Psychopharmaka absetzen

ISBN 978-3-925931-27-7

Erschienen 2013 Lehmann P. Antipsych. Vlg.


Peter R. Breggin

Giftige Psychiatrie (Bd 2)

ISBN: 9783931574383 bzw. 3931574385

Erschienen 1997 Carl-Auer-Systeme-Verlag


Marc Rufer

Glückspillen – Ecstasy Prozac und das Comeback der Psychopharmaka

ISBN: 9783426771785

Erschienen 1995 im Droemer Knaur Verlag


Informationen über Psychopharmaka des Vereins Zopph; "Pharmaka"

Verein für Psychiatriebetroffene


Auf der Datenbank www.compendium.ch, können unter dem Begriff "Fachinformationen" die gesamten Informationen der erhältlichen Medikamente eingesehen und  heruntergeladen werden. Von besonderer Bedeutung ist der Abschnitt über die schädlichen Auswirkungen der Medikamente ("Nebenwirkungen").